Überall in Thüringen finden seit Monaten Neonazi-Demonstrationen statt. Als Organisatoren treten dabei von „Bürgerinitiativen“ bis hin zur klassischen Neonazi-Szene zahlreiche Akteure auf. Auch in Nordhausen ist diese Tendenz deutlich zu sehen und hunderte machen sich mit selbsternannten Nationalsozialisten gemein. Ein Blick auf die Szene im Norden Teil 1.
Unter der Bezeichnung „Volksbewegung Nordthüringen“ gibt es derzeit in Nordhausen und Umgebung ein neues Label, welches Neonazis nutzen, um im Kontext der Flüchtlingsdebatte ihre Neonazi-Ideologie zu verbreiten. Gleichzeitig erreichen uns immer mehr Hinweise auf gewalttätige Aktionen im Norden von Thüringen und damit ein steigendes Gewaltpotential der Szene. Grund genug, genau hinzuschauen, wer in Nordhausen die Organisatoren und Neonazi-Aktivisten hinter der „Volksbewegung“ und ihres Umfeldes sind. Da es sich um umfangreiche Recherchen handelt, werden wir diese in verschiedene Teile splitten und möglichst vor einer neuen Demonstration der „Volksbewegung Nordthüringen“ oder bekannt gewordenen Angriffen veröffentlichen. Heute beginnen wir mit einigen grundsätzlichen Informationen zur „Volksbewegung“ und den ersten beiden Führungsfiguren.
Die „Volksbewegung Nordthüringen“ – Neonazis mit neuem Deckmantel
Am 4. Oktober erschien in der lokalen Online-Postille NNZ in Nordhausen der Gründungsaufruf einer „Volksbewegung Nordthüringen“, welche bereit einen Tag zuvor erfolgt sein soll. Da die Homepage bereits am 27. September angemeldet wurde, ist von einem längeren Vorlauf der angeblichen Bewegung auszugehen. Doch schon zwischen den Zeilen war die Neonazi-Ideologie klar zu erkennen. In der Selbstbezeichnung stellte man sich als „Mitte des Volkes“ dar. Und natürlich wolle man sich nicht in eine „rechte Ecke“ stellen lassen. In einer Mischung aus Verschwörungstheorien („Die Berichterstattung konzentriert sich auf Dinge, die den Otto-Normal-Bürger von den wirklichen, die Zukunft betreffenden Probleme ablenkt, um im geheimen neue Fakten schaffen zu können! Warum wohl?“) und der inhärenten Ablehnung der parlamentarischen Demokratie („Dass, liebe Mitbürger, gilt es nicht mehr hinzunehmen, denn wir haben diese Volksvertreter gewählt, oder auch nicht?!“) wurde weiter dargelegt, warum es nun Zeit sei, gegen das „korrupte System“ zu protestieren. Etwas ungelenk versuchte man also in einer Mischung aus Pegida-Empörungsbewusstsein und Neonazi-Ideologie sich neu zu inszenieren und im Kollektiv des „Volkes“ zu agieren. Der Begriff „Gesellschaft“ findet sich im Text nicht. Und damit auch niemand auf die Idee kommen könnte, dass die alten Neonazi-Strukturen aus Nordhausen hinter der „Bewegung“ stecken, wurde mit Sebastian Stitz aus Nordhausen eine bislang unbekannte Person in das Impressum eingesetzt. Bei den Aufmärschen der “Volksbewegung Nordthüringen” nahmen am 24.10. in Bleicherode 200, am 26.10. in Nordhausen 300 und am 9.11.2015 in Nordhausen ebenfalls rund 300 Personen teil.
Und selbst für die Anmeldung der Homepage, fand man mit Heide Marie Oestreich-Overbeck aus Bad Frankenhausen eine Person, die bisher nicht in Erscheinung getreten war. Doch ein Blick hinter die beiden an die Spitze gestellten Personen zeigt schnell, wer hinter der „Volksbewegung“ steckt. So ist für die Gestaltung der Homepage und der Flyer der Neonazi Denis Witzenhause aus Nordhausen verantwortlich. Der aus Greußen stammende Witzenhause gehört seit Jahren zur Neonazi-Szene in und um Nordhausen und war schon für die digitalen Präsenzen der „Autonomen Nationalisten Nordthüringen“ und der „Aktionsgruppe Nordhausen“ verantwortlich. Neben Sebastian Stitz tritt bei den durchgeführten Demonstrationen vor allem Neo-Nationalsozialist Alexander Lindemann als Organisator und Sprecher auf und zeigt somit sehr deutlich, wie wenig Mühe sich die Neonazis hier bei der Verschleierung geben.
Das Personal der lokalen Neonazi-Szene oder: Wem lauft ihr da in Nordhausen eigentlich hinterher?
Über die Jahre haben sich die Strukturen der Neonazi-Szene in Nordhausen kaum geändert. Die Fluktuation des Personals war relativ hoch, da durch Inhaftierungen, Inaktivität oder interner Streitigkeiten einige Neonazis nicht mehr auftauchen. Seit 2011 hat sich damit aber auch ein Kern herausgebildet, aus dem wir im Folgenden zwei Personen vorstellen wollen.
Der militante Nationalsozialist – Alexander Lindemann
Alexander Lindemann ist seit mindestens 2005 in der Neonazi-Szene aktiv und stammt ursprünglich aus Kleinfurra. Er gehörte mit den zu den ersten Vertretern der so genannten “Autonomen Nationalisten” in Thüringen. Seine damalige Adresse nutze er bereits 2011 für verschiedene Neonazi-Propaganda-Flyer und Veranstaltungen in Nordhausen. Im selben Jahr war Lindemann Anmelder einer Demonstration von Freien Kräften und NPD in Nordhausen unter dem Motto “Keine Panzer für Nahost”. Die Veranstaltung organisiert er gemeinsam mit dem damaligen NPD-Kreisvorsitzenden Roy Elbert, der bei einer Gedenkveranstaltung gegen die Nordhäuser Oberbürgermeisterin gewalttätig wurde.
Seit einigen Jahren lebt Lindemann nun mit seiner Freundin Anika Engelhardt aus Niedersachsenwerfen in Nordhausen am August-Bebel-Platz. Auch seine Lebensgefährtin ist mittlerweile fester Bestandteil der Neonazi-Szene und war nicht nur Teilnehmerin verschiedener Neonazi-Gedenkveranstaltungen, sondern auch Ordnerin beim Einlass des Rechtsrock-Konzertes „In.Bewegung“ in Sondershausen 2014. Lindemann ist außerdem über die Liste der NPD 2014 in den Kreistag von Nordhausen eingezogen, legt allerdings großen Wert darauf, selbst nicht Mitglied der NPD zu sein. Schon vor Jahren war der gewalttätige Lindemann Mitglied der extrem rechten Hooligangruppe „NDH City“. Organisatorisch ist Alexander Lindemann der „Europäischen Aktion“ (EA) zuzurechnen und deren „Stützpunktleiter“ in Nordthüringen.
Der 29-jährige tritt als Vertreter der EA auch überregional als Redner auf. Diese Hinwendung der Nordthüringer Neonazi-Szene zur EA war schon 2013 zu beobachten, als im Juli ein erster Vortrag der damals in Thüringen noch neuen „Europäischen Aktion“ in Nordhausen stattfand.
Lindemann selbst steht seit Jahren offen zu seinem Nationalsozialismus, Antisemitismus und der Leugnung des Holocaust. Damit liegt der Neonazi voll auf der Linie der Holocaust-Leugner-Organisation „Europäische Aktion“ und ist Ort wohl bestens aufgehoben. So verbreitete er unter seinem Facebook-Account auch in internen Foren Holocaust-Leugner-Berichte wie beispielsweise im November 2014. Als ein weiterer Teilnehmer der Gruppe Einwände gegen das gepostete Holocaustleugner-Video erhebt, antwortet Lindemann wie folgt:
Am 9. November 2015, dem 77. Jahrestag der Reichspogromnacht trat Lindemann als Redner beim Aufmarsch der “Volksbewegung Thüringen” in Nordhausen auf und relativierte die vom NS-Regime organisierten Gewaltmaßnahmen gegen Juden vom 7. bis 13. November, während 400 Menschen ermordet und über 1.400 Synagogen, Gebetshäuser, Wohnungen und jüdische Geschäfte zerstört wurden. Lindemann äußert am Mikrofon wörtlich: “…hat jede Tat und jede Handlung einen Grund, eine Ursache, für das Tun und Handeln der Menschen. Jedoch wird in Deutschland tot geschwiegen, was die Ursache der Pogrome von 38 verursacht hat. Heute wird uns erzählt, dass die Deutschen ihre Handlungen aus lauter Langeweile und Hass getan hätten. Und das einfach ist Lüge, denn nur die Wahrheit macht frei. Darum erheben wir uns heute, um eben nicht im Schuldkult zu versinken und ewig gefangen zu bleiben”. Der Kampfsportler Lindemann gilt seit Jahren als gewalttätig und war an zahlreichen Übergriffen beteiligt. Nur ein Teil davon landete allerdings nach unseren Informationen vor Gericht. Auch derzeit ist Lindemann wegen eines Übergriffs aus dem Jahr 2013 erneut im Fokus der Behörden und wartet auf sein Verfahren.
Antisemit und Rassist – Der Administrator Denis Witzenhause
Denis Witzenhause gehört ebenfalls seit Jahren der Szene in Nordhausen an. Der aus Greußen stammende Witzenhause ist für die Nordthüringer Szene als Gestalter und Ersteller von Homepages tätig und Flyern tätig. Er verantwortete sowohl die Homepage der „Autonomen Nationalisten Nordthüringen“, der „Aktionsgruppe Nordhausen“ als auch der „Volksbewegung Nordthüringen“ wie interne Mails belegen. Außerdem verantwortete er die Gestaltung der Mobilisierungs-Flyer für die „Volksbewegung Nordthüringen“. Aber auch über Thüringen hinaus erstellt der Antisemit Witzenhause zahlreiche Homepages und Facebookseiten. So zeichnet er unter anderem für die Homepage von Frank Rennicke oder den Shop vom NPD-Landesvorsitzenden Tobias Kammler („Hemdster“) verantwortlich. Witzenhause ist in zahlreichen Online-Foren unterwegs und außerdem mit seiner Ehefrau Jane Witzenhause (verheiratet seit dem 29. März 2012) auch im Online-Gaming aktiv. Im Juni 2011 stellte sich Witzenhause im mittlerweile geschlossenen Neonazi-Forum „Nationale Revolution“ selbst folgendermaßen vor: „Bin 29 und arbeite im Sicherheitsdienst. Bin Verheiratet und habe 3Kinder 2, 6 und 8 Jahre alt. Meine Musikrichtung bewegt sich prinzipiell auf die Bereiche „Hatecore & NSBM“. (selbst)Überzeugter NS- Aktivist.“ (Fehler im Original). Im Mai 2013 kam es dann wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz zu einer Razzia bei Witzenhause.
Auch seine Ehefrau Jane Witzenhause ist nicht nur Teilnehmerin verschiedener Neonazi-Veranstaltungen, sondern war zum Beispiel beim neonazistischen „Eichsfeldtag 2014“ in Leinefelde mit ihrem Bruder am Einlass tätig und damit organisatorisch eingebunden. Außerdem posierte sie als Model für die Neonazi-Modemarke „Patriotic“. Diese Marke ist unter dem Aktenzeichen 3020110564957 auf den Neonazi-Rocker Roy Elbert eingetragen, Denis Witzenhause fertigte vor einigen Jahren Werbebilder für die Marke an.
Denis Witzenhause ist eher selten überregional auf Neonazi-Veranstaltungen unterwegs. Seine Teilnahmen beim Neonazi-Trauermarsch in Magdeburg im Januar 2014 oder bei Hogesa in Hannover im November 2014 sind eher Ausnahmen. Allerdings war er mehrmals als Anti-Antifa-Fotograf aktiv, so im Mai 2013 bei einer NPD-Demonstration am anderen Ende Thüringens, in Sonneberg. Witzenhause stellte Fotos von Menschen, die gegen Neonazis protestierten später gezielt ins Internet. In und um Nordhausen ist der Neonazi häufig anzutreffen, wobei in den letzten Monaten auch Bürgerversammlungen zum Thema Asyl zu seinen Reisezielen gehörten. Dabei ist er auch für die Erstellung von Bildern und Videos bei Veranstaltungen zuständig. Witzenhause gibt als Beruf „Sicherheitsfachkraft“ an.
Vor einigen Jahren war der Neonazi beim Sicherheitsunternehmen „Mammut Security“ aus Sangerhausen tätig. Mittlerweile gibt der Neonazi selbst an, bei der Securitas GmbH zu arbeiten. Ideologisch ist Denis Witzenhausen dem Neonazismus zuzuordnen. Besonders Rassismus und Antisemitismus haben es dem „Sicherheitsfachmann“ angetan. So postet und teilt der Neonazis ständig offen rassistische Texte und Bilder bei Facebook und schrieb schon im September 2011 im Forum „Nationale Revolution“: „Neger haben hier nichts zu suchen.. Punkt aus Sense..“ Auch aus seinem Antisemitismus macht er keinen Hehl. So war er unter anderem für die Erstellung eines „USrael“-Transparentes der „Autonomen Nationalisten Nordthüringen“ verantwortlich, wie er selbst schreibt.
Darüber hinaus verbreitet er permanent antisemitische Karikaturen und Zeichnungen bei Facebook, wie ältere und bereits gelöschte FB-Accounts von Witzenhause zeigen. Als im April zahlreiche ehemalige Häftlinge des ehemaligen KZ Dora und deren Befreier Nordhausen besuchten, verunglimpfte Witzenhause diese außerdem als „Massenmörder und Vergewaltiger“. Dies soll nur ein erster Eindruck sein, wem genau die Menschen in Nordhausen folgen, wenn sie die Demonstrationen der „Volksbewegung Nordthüringen“ besuchen. Wer sich mit selbsternannten Nationalsozialisten, Rassisten und Antisemiten gemein macht, sollte sich nicht wundern, „in die rechte Ecke“ gestellt zu werden. Fortsetzung folgt!