NSU, Hufhaus, Artgemeinschaft … Ralf Wohlleben auf freiem Fuß

Ralf Wohlleben ist auf freiem Fuß.

Eine Schlagzeile, die weit über politische Szenen hinaus für Aufregung sorgte. Dennoch dürften einige in der breiten Gesellschaft der Bevölkerung mit dem Namen nichts anfangen zu wissen. Wohlleben war einer der Hauptunterstützer (und Beschaffer der Mordwaffe) des NSU – des Nationalsozialistischen Untergrunds – eben jener Organisation, die über ein Jahrzehnt mordend und plündernd, vom Verfassungsschutz gedeckt, durch dieses Land ziehen konnte. Doch welche Relevanz hat das für den Landkreis Nordhausen direkt? Neben Michael See (heute von Dolsperg), als V-Mann genannt „Tarif“, der aus Nordhausen stammt und zum direkten NSU-Umfeld gehörte, scheint nun auch Wohlleben direkte Beziehungen zum Landkreis zu unterhalten. Wohlleben soll nach seiner Freilassung bei Jens Bauer im Burgenlandkreis untergekommen sein [1]. Burgenlandkreis? Das ist doch Sachsen-Anhalt! Wird sich so manche*r Nordhäuser*in denken. Doch Jens Bauer ist Vorsitzender der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V.“. Eben jene rechtsradikale und völkische Gemeinschaft, die mehrfach jedes Jahr im nordthüringischen Ilfeld Veranstaltungen organisiert und abhält und zu der auch von Dolsperg und seine Frau Beziehungen unterhielten [2]. Für Kenner*innen der Szene ist der Veranstaltungsort – das Hufhaus Ilfeld – keine Überraschung, denn […] seit ca. Ende der 1990er Jahre [ist das Hufhaus] Veranstaltungsort der Frühjahrs- und Herbsttagungen der extrem rechten „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V.“ mit etwa 50 bis 300 Teilnehmern. An den Sommer- und Wintersonnenwendfeiern vor Ort nehmen bis zu 250 Personen teil. Die Artgemeinschaft wird dabei vom Thüringer Innenministerium als „rechtsextremistischer Verein“ eingestuft, der „[…] die Kultur der nordeuropäischen Menschenart bewahren, erneuern und weiterentwickeln will und dabei germanisch-heidnische Glaubensansätze mit rassistischen Vorstellungen und Zielen verbindet.“ Dabei besuchen auch andere rechtsradikale Gruppierungen Veranstaltungen der Artgemeinschaft. [3]

 Auch der langjährige Neonazi Meinolf Schönborm nutzt meist zweimal im Jahr das Hufhaus für die „Lesertreffen“ der von ihm heraus gegebenen Zeitschrift „Recht und Wahrheit“. Vom 17. bis 19. April 2015 veranstaltete Schönborn mit der Holocaustleugnerin Haverbeck-Wetzel und anderen ein „Recht & Wahrheit“ Lesertreffen. Im Anschluss spielte der Liedermacher „Brusi“ beim „Kameradschaftsabend“. Auch dieses Jahr findet wieder ein „Recht und Wahrheit“-Treffen vom 14. bis 16.September mit regionalen und überregionalen Neonazis statt. [4]

In den vergangenen zehn Jahren fanden durchschnittlich eine bis drei Veranstaltung pro Quartal im Hufhaus in Ilfeld statt, wie aus mehreren parlamentarischen Anfragen der linken Landtagsfraktion seit 2008 hervorgeht. Regelmäßige Gäste sind und waren dabei nicht nur die Artgemeinschaft oder die Zeitschrift „Recht & Wahrheit“, sondern auch die Europäische Aktion fand Unterschlupf im Harzvorland. [5] Die Europäische Aktion, die sich mittlerweile offiziell selbst aufgelöst hat, galt dabei als ein Sammelbecken von Holocaustleugner*innen und Geschichtsrevisionist*innen und entstand, nachdem mehrere Holocaustleugner-Vereine verboten wurden.Die Selbstauflösung der europäischen Aktion,dessen Stützpunktleiter für Nordthüringen Alexander Lindemann war, kam damit einem Verbotsverfahren zuvor, nachdem es einige Razzien in deren Umfeld gab. Auch Wehrsportübungen fanden auf tschechischem Gebiet, organisiert durch Neonazis der europäischen Aktion und Teilen des ehemaligen Thüringer Heimatschutzes, statt.[6]

Doch ist das alles nur Zufall? Wissen die Betreiber etwa nicht, wen sie sich da regelmäßig ins eigene Haus holen? Wohl kaum. Auf eine kleine Anfrage der damaligen linken Landtagsabgeordneten Martina Renner bewertete das Thüringer Innenministerium den Sachverhalt wiefolgt: „Darüber hinaus sieht die Szene vermutlich in dessen Betreiber einen verlässlichen Partner für eine Zusammenarbeit in ihrem Sinne.“ [7] Diese Bewertung und die Regelmäßigkeit der Treffen verschiedener rechtsradikaler, völkischer und antisemitischer Gruppierungen, allein von der Artgemeinschaft mindestens 40 in den letzten zehn Jahren, sind mehr als ein deutlicher Beweis für die Gesinnung und das Ansinnen der Betreiber des Ilfelder Hufhauses.

Unser Aufruf kann daher nur sein: Liebe Ilfelder*innen und Tourist*innen des Landkreises Nordhausen – boykottiert das Hufhaus in Ilfeld und tragt euren Teil dazu bei, dass diese Neonazi-Immobilie von der Thüringer Hotelkarte getilgt wird und endlich seine Pforten schließen muss!

[1] https://taz.de/!5522922/
[2] https://www.nsu-watch.info/2015/02/v-mann-portraet-michael-see-von-dolsperg/
[3] Drucksache 5/1393
[4] https://www.rechtesland.de/immobilien-der-extremen-rechten-thueringen/hotel-hufhaus-in-ilfeld/
[5] Drucksache 6/3145
[6] https://www.endstation-rechts.de/news/internationales-holocaust-leugner-netzwerk-loest-sich-auf.html
[7] Drucksache 5/1339